Champagner und Campingzelt

WOMEN’S NETWORK MALLORCA

Mai 2026 · Text: Alexandra Bosse

Champagner und Campingzelt

Mallorca im Mai: Glanz, Gegensätze und die Frage, wer wir sein wollen

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Unterstützerinnen des WNM,

Erster Mai – Tag der Arbeit. Am Plaça d’Espanya drängen sich Hunderte mit Transparenten und Gewerkschaftsfahnen: ‘Salarios justos, vivienda digna’ – gerechte Löhne, würdiges Wohnen. Die Stimmen hallen durch die engen Gassen der Innenstadt. Keine zwei Kilometer entfernt, am Moll Vell, liegt an diesem selben Morgen eine andere Welt vor Anker: die 62 Meter lange Segelyacht ‘Simena’, Jacuzzi an Deck, Preisschild knapp 46 Millionen Euro. Zwischen diskret plaudernden Brokern verhandelt die Yachtingbranche entspannt die neue Saison – mit Champagner statt Forderungen.

Mallorca im Mai 2026. Diese Insel vereint wie kaum ein anderer Ort das Schönste und das Erschreckendste der menschlichen Gesellschaft – als lebten wir unter einem Brennglas.

Zwei Welten, eine Insel

Die Palma International Boat Show, die noch bis zum 2. Mai an der Moll Vell läuft, ist kein Skandal – sie ist Spiegel. Über 300 Yachten, rund 295 Aussteller aus aller Welt, Deals beim Glas Cava. Der maritime Lifestyle, der Mallorca seit Jahrzehnten zur Spielwiese der Reichen gemacht hat, zeigt sich hier in seiner reinsten Form.

Wenige Straßen weiter schläft ein Mann auf einer Parkbank. An Palmas Stadtstrand Can Pere Antoni stehen seit Tagen zwei Zelte direkt an der Meeresfront – drei Menschen ohne anderen Ort. Und es sind längst nicht mehr nur die klassischen Obdachlosen. Arbeitnehmer ohne Wohnung, Familien in Wohnwagen, Menschen in selbst gezimmerten Hütten am Stadtrand: Die Wohnungsnot hat eine neue, erschreckend breite Schicht erfasst. 2026 laufen auf den Balearen über 24.000 Mietverträge aus, rund 69.000 Personen sind betroffen. Die Mieterhöhungen liegen im Schnitt bei über 380 Euro monatlich – der höchste Wert in ganz Spanien. ‘Selbst mit 2000 Euro reicht es oft nicht, um eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen’, sagt Àngela Pons von der Plattform für Hypothekenopfer PAH.

Das tägliche Reiben

Wer täglich mit dem Bus fährt, kennt die Szenen. An den Haltestellen kommt es immer häufiger zu lautstarken Auseinandersetzungen: Einheimische und Touristen kämpfen buchstäblich um Plätze im überfüllten TIB-Bus. An Hauswänden tauchen ausländerfeindliche Schmierereien auf. Der Frust entlädt sich in Graffiti, in Kommentarspalten, hinter dem Schutzschild der digitalen Anonymität. Die Aggression im Netz und die Drängeleien an der Bushaltestelle sind zwei Gesichter desselben wachsenden Drucks. Er entsteht, wenn Menschen in die Enge getrieben werden – und die Politik keine Antworten liefert.

Denn die Politik schaut weg. Die rechte Inselregierung setzt das Bild Mallorcas als Luxusdestination konsequent durch und hat wenig Interesse daran, etwas zu ändern. Auf nationaler Ebene wiederum hat die sozialistische Regierung unter Pedro Sánchez im letztenMonat rund 500.000 Menschen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung regularisiert – ein humanitär verständlicher Schritt, der jedoch ohne ausreichende Wohnraumplanung, Infrastruktur oder parlamentarische Mehrheit umgesetzt wurde. Das Ergebnis spürt man auf der Straße: Beide Seiten des politischen Spektrums bedienen ihre Klientel, und das soziale Netz in der Mitte reißt langsam durch.

Wir sind Gäste – und sollten es nicht vergessen

Das alles betrifft auch uns als deutschsprachige Community direkt. Wir sind Teil dieser Insel – aber gleichzeitig Zugereiste. Wir haben das Privileg, uns hier ein Leben aufzubauen, mit all der Freiheit, die das mit sich bringt. Doch dieses Privileg trägt Verantwortung: Wir sind Gäste in einem Land, einer Kultur, einer Gesellschaft, die uns aufgenommen hat. So sollten wir uns auch verhalten – nicht als Parallelgesellschaft, die meint, es sei alles erlaubt, solange es dem eigenen Vorteil dient und man das nötige Kleingeld hat.

Keine Selbstjustiz, wenn uns etwas nicht passt. Kein Kommentarspalten-Gezeter hinter anonymem Profil. Kein aggressives Abwerben von Kunden. Das klingt selbstverständlich. Ist es offenbar aber nicht mehr – und dieser Geist des Egoismus macht auch vor unserem Netzwerk nicht halt.

Ein offenes Wort

Das WNM war immer ein Ort, der von Vertrauen, Respekt und echter Verbundenheit lebte. In den letzten Wochen ist eine Spannung entstanden, die ich als Gründerin und Organisatorin nicht verschweigen möchte. Wer etwas über fünf Jahre mit Herzblut aufbaut, darf es schützen. Klare Regeln sind kein Angriff – sie sind der Rahmen, innerhalb dessen Gemeinschaft erst möglich wird. Dass das zu einer Kluft geführt hat, stimmt mich nachdenklich. Und es erinnert mich daran, wie sehr der gesellschaftliche Geist des ‘Ich zuerst’ sich in alle Räume schleicht – auch in die, die wir uns als sicher und fürsorglich vorstellen.

In solchen Momenten hilft es, zurückzukehren. Zu sich selbst. Zu dem Einzigen, was man wirklich beeinflussen kann: das eigene Denken, das eigene Verhalten.

Der kategorische Imperativ im Alltag

Immanuel Kant hatte eine einfache Formel: Handle so, wie du wolltest, dass alle handeln. Oder weniger akademisch: Verhalt dich so, wie du es von anderen erwartest. Nicht mehr, nicht weniger. Diese Haltung beginnt im Kleinen – im Ton einer Nachricht, die man wütend schreibt und vielleicht besser nicht abschickt. Im Moment an der Bushaltestelle, wenn man sich entscheidet, ob man drängelt oder wartet. In dem Gespräch, in dem man wirklich zuhört, statt schon die nächste Antwort zu formulieren.

Mallorca steckt in einem tiefen Widerspruch: wunderschön und erschütternd zugleich. Wir werden ihn nicht lösen. Aber wir können täglich neu entscheiden, auf welcher Seite dieser Gleichung wir stehen wollen.

Froher Wonnemonat

Gestern Abend haben wir gemeinsam bei der Primavera Party in der Motorworld gefeiert, gelacht, getanzt – und genau diese Energie, diese echte Wärme, dieses Miteinander ist das WNM in seiner schönsten Version. Lasst uns das in den Mai mitnehmen.

Lasst uns auf die Gemeinsamkeiten schauen, nicht auf die Meinungsverschiedenheiten. Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, unsere Worte, unser Auftreten in diesem Land, das wir Heimat nennen. Und daran erinnern, dass echte Gemeinschaft nicht entsteht, wenn alle einer Meinung sind. Sie entsteht, wenn alle bereit sind, der anderen zuzuhören.

Wir wünschen euch einen wunderschönen Mai auf Mallorca – mit all seiner Schönheit, trotz all seiner Widersprüche. Und von Herzen: Danke, dass ihr Teil dieser Gemeinschaft seid.

Herzliche Grüße,

Dein Team des Women’s Network Mallorca (WNM)

PS: Feedback, Ideen und Ankündigungen gerne an

Nach oben scrollen