Das schlechte Gewissen – wenn Mallorca plötzlich doch zu weit weg ist

Newsletter Oktober 2026 · Women’s Network Mallorca_Text: Alexandra Bosse

Das schlechte Gewissen – wenn Mallorca plötzlich doch zu weit weg ist

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Unterstützerinnen des WNM,

Der Oktober legt sich weich über die Insel. Das Licht wird golden und flach, abends ist die Terrasse noch warm, doch der Wind trägt schon den ersten Hauch von Regen heran, und auf den Fincas zwischen Santanyí und Pollença kehrt jene Ruhe ein, auf die viele den ganzen Sommer gewartet haben. Es ist die Jahreszeit, in der das Leben auf Mallorca am schönsten ist – und genau in dieser Zeit klingelt das Telefon. Auf dem Display steht „Mama“. Oder „Tochter“. Und noch bevor das erste Wort gesprochen ist, ahnt man es: Der Plan, den man so sorgfältig gebaut hat, bekommt gerade einen Riss.

Wenn der Lebensplan plötzlich eine neue Wendung nimmt

Viele Frauen im Women’s Network Mallorca leben zwischen den Welten: ein Teil des Jahres auf der Insel, ein Teil in Deutschland, das Herz oft in beiden Ländern zugleich. Manche haben sich nach einem langen Berufsleben ihren Traum erfüllt, die Finca, den Garten, die Mandelbäume, und wollen hier ihren Lebensabend verbringen. Und dann kommt der Anruf. Die Mutter ist gestürzt, der Vater vergisst Dinge, die er nie vergessen hat, ein Pflegegrad muss beantragt werden. Oder die Tochter bekommt ein Kind, und plötzlich ist da ein Satz, der sich nicht mehr wegschieben lässt: Mein Kind braucht mich jetzt.

Sie sind mit diesem Gefühl nicht allein, im Gegenteil. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2023 in Deutschland 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig, rund 86 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt, sehr oft von Angehörigen. Hinter jeder dieser Zahlen steht eine Familie, in der jemand die Frage stellen muss, wer sich kümmert. Für Frauen, die ihr Leben bewusst in die Ferne verlegt haben, hat diese Frage eine zusätzliche Schwere: Sie wird aus der Ferne gestellt.

Dieses Jahr haben uns im Netzwerk viele dieser Geschichten erreicht. Frischgebackene Omas, die nicht mehr so oft auf der Insel sein können oder wollen, weil das Enkelkind in Hamburg oder München die ersten Schritte macht. Töchter, die zwischen Flughafen, Arztterminen und Pflegedienst pendeln. Frauen, die auf der Finca sitzen, aufs Meer blicken und sich dabei ertappen, dass sie sich für diesen Anblick schämen.

Zerrissen zwischen zwei Heimaten

Das schlechte Gewissen der Auswanderinnen hat viele Gesichter. Es flüstert: Hättest du nicht in der Nähe bleiben müssen? Es fragt, ob man sich zu viel Freiheit genommen hat, während andere die Last getragen haben. Und manchmal kommt es in der verdrehtesten Form daher: als Schuldgefühl darüber, dass man das Leben auf Mallorca eigentlich gar nicht aufgeben möchte.

Dabei lohnt ein zweiter Blick. Gewissensbisse sind in den allermeisten Fällen kein Beweis dafür, dass etwas falsch gelaufen ist, sondern ein Zeichen dafür, wie sehr man liebt. Wer sich zerrissen fühlt, hat zwei Orte, die ihm etwas bedeuten. Das ist keine Schwäche, sondern eine Biografie. Und wer Mallorca gewählt hat, hat damit nie die Familie abgewählt.

Was in dieser Situation helfen kann

Ein Patentrezept gibt es nicht, aber es gibt Gedanken, die vielen Frauen im Netzwerk geholfen haben. Der erste: Die Entscheidung muss nicht für immer gelten. Wer sich entschließt, die kommenden Monate überwiegend in Deutschland zu verbringen, gibt Mallorca nicht auf, sondern setzt für eine Weile andere Prioritäten. Die Finca bleibt, der Freundeskreis bleibt, und der Rückweg bleibt offen. Viele Frauen finden in einem festen Rhythmus Entlastung, etwa mit ein paar Wochen in Deutschland und danach einem Block auf der Insel zum Durchatmen, statt in einem ständigen Alles-oder-nichts.

Der zweite Gedanke betrifft das Gespräch, und zwar früh, möglichst bevor der Notfall eintritt. Was wünschen sich die Eltern eigentlich, wenn sie älter werden? Wer von den Geschwistern kann was übernehmen? Und was erwartet die Tochter mit dem Neugeborenen wirklich: täglich Hilfe oder ein verlässliches Zeitfenster, in dem Oma da ist? Oft liegen zwischen dem, was man glaubt, tun zu müssen, und dem, was sich die anderen tatsächlich wünschen, Welten. Ein ehrliches Gespräch spart manche schlaflose Nacht.

Drittens: Man muss nicht alles allein tragen. In Deutschland gibt es mit den Pflegestützpunkten (Beratungsstellen vor Ort, die zu Pflegegrad, Leistungen und Unterstützung informieren) und ambulanten Pflegediensten Anlaufstellen, die auch aus der Ferne helfen können. Wer die Organisation rechtzeitig in professionelle Hände legt, ist nicht weniger fürsorglich, sondern sorgt dafür, dass die Fürsorge nachhaltig bleibt. Auch Vorsorgevollmachten und ein klarer Notfallplan, die man in Ruhe besprechen kann, nehmen später viel Druck heraus.

Viertens, und das wird am häufigsten vergessen: die eigene Kraft. Wer pendelt, pflegt und organisiert, läuft schnell auf Reserve. Kleine Inseln im Alltag, ein Spaziergang, ein Kaffee mit einer Freundin, ein Abend, an dem niemand etwas will, sind kein Luxus, sondern Voraussetzung, um überhaupt für andere da sein zu können. Und wer den Mut hat, zu sagen „Das schaffe ich gerade nicht“, handelt nicht egoistisch, sondern ehrlich.

Die Frage, die dabei hilft, ist selten „Was ist richtig?“, sondern eher: „Womit kann ich in einem Jahr gut leben?“ Eine Antwort darauf lässt sich nicht erzwingen, aber sie lässt sich leichter finden, wenn man nicht allein über ihr brütet.

Das WNM: Rückhalt auf der Insel – und darüber hinaus

Genau hier kommt das Women’s Network Mallorca ins Spiel. Unser Netzwerk ist dafür da, sich über solche Themen auszutauschen, ehrlich, ohne Bewertung und ohne den Druck, stark sein zu müssen. Bei einem unserer Treffen findet sich fast immer eine Frau, die Ähnliches erlebt hat: die den Moment kennt, in dem man im Flugzeug sitzt und nicht weiß, ob man ankommt oder zurückkehrt. Frauen, die zuhören, Erfahrungen teilen und manchmal einfach nur sagen: Ich verstehe dich. Das WNM gibt Rückhalt und Geborgenheit, gerade in den schweren Situationen, in denen man sie am meisten braucht.

Und die Verbindung endet nicht an der Küste. In einigen deutschen Städten gibt es inzwischen Ableger des Netzwerks. Wer sich entscheidet, wieder mehr Zeit in Deutschland bei der Familie zu verbringen, verliert damit nicht den Kontakt zur Community der Insel, sondern findet auch dort Frauen, die die Sehnsucht nach Mallorca teilen und genau wissen, wie sich das Leben zwischen zwei Welten anfühlt. Mallorca bleibt so ein Stück weit immer dabei.

Zu guter Letzt

Der Oktober ist ein Monat des Übergangs: Die Sommergäste sind abgereist, die Tage werden kürzer, die Insel gehört wieder denen, die hier leben. Vielleicht ist es die richtige Zeit, um sich zu fragen, was einem gerade wirklich wichtig ist, und es sich zu erlauben, dass die Antwort nicht eindeutig sein muss. Wer zwischen zwei Heimaten lebt, hat nicht zwei halbe, sondern zwei ganze Zuhause. Und niemand muss den Weg zwischen ihnen allein gehen.

Wir wünschen euch einen wunderschönen, goldenen Oktober voller guter Gespräche und herzlicher Begegnungen.

Herzliche Grüße

Dein Team des Women’s Network Mallorca (WNM)

PS: Wenn du gerade selbst zwischen den Welten stehst und reden möchtest, melde dich gern bei uns. Feedback, Ideen und Ankündigungen gerne an

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